Teilleistungsstörungen
Legasthenie
Im Hinblick auf familiäre Häufungen legasthener Fälle geht man heute in der Wissenschaft vorwiegend von genetischer Bedingtheit aus. Lese-Rechtschreibstörungen beruhen vornehmlich auf Entwicklungsstörungen der Hör-Wahrnehmung und Hör-Verarbeitung des gesprochenen Wortes.
Verwechslungen klangverwandter Laute (/b/-/p/, /d/-/t/, /g/-/k/ etc.) sollte man daher nicht vorschnell als Dialektfehler verharmlosen. Meist sind legasthene Kinder nicht bzw. nur unzureichend in der Lage, feine Klangunterschiede (z.B.: /i/-/ie/) herauszuhören.
Psychische Konsequenzen
Legasthenie ist nicht gleichzusetzen mit einer psychischen Störung.
In der Folge lang andauernder Überforderung reagieren jedoch
zahlreiche Kinder und Jugendliche mit Selbstwertproblemen. Obwohl
sie sich bemühen, stellt sich der erhoffte Erfolg ausgerechnet im Kernfach
Deutsch nicht oder nur unzureichend ein. Folgen können beispielsweise
sein: Stimmungsschwankungen, Frustration, Abneigung gegenüber der
Schule, Prüfungs- und Leistungsängste, Konzentrations- schwächen oder
Anstrengungsvermeidung.
In vielen Familien sind chronische Hausaufgabenkonflikte die
Regel. Die Eltern stehen nämlich den Schwierigkeiten ihrer Kinder meist
einfach hilflos gegenüber und reagieren daher häufig unangemessen. Die
Kinder wiederum fühlen sich missverstanden und beantworten die Hilflosigkeit
seitens der Eltern mit zunehmender Verweigerung. Das Lern-Leistungs-Verhalten
ist bei einem Großteil der Legastheniker auffällig.
In der Folge unbehandelter Ausfälle des Lesens und / oder Rechtschreibens drohen in zahlreichen Fällen psycho-soziale Anpassungsschwierig- keiten:
- Im familiären Kontext wird unter bestimmten Umständen das Grundbedürfnis des Kindes nach Eingebundensein in die häusliche Gemeinschaft gestört, was wiederum die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig beeinträchtigen kann.
- Im sozialen Bereich besteht die Problematik möglicherweise im Verlust des persönlichen Ansehens.
- Auf schulischer Ebene können schließlich das Lehrer-Schüler-Verhältnis und die Beziehungen zu den Mitschülern starken Belastungen ausgesetzt sein.
Legasthenie wächst sich nicht von selbst aus. Untersuchungen beweisen, dass etwa vier Prozent der jungen Erwachsenen lediglich über Rechtschreibkenntnisse von durchschnittlichen Viertklässlern verfügen.
Diagnostik
Testuntersuchungen eventuell bestehender Lese- Rechtschreibstörungen sollten möglichst frühzeitig stattfinden, also nicht erst dann, wenn das Kind bereits "in den Brunnen gefallen" ist, sondern
- wenn bereits in der 1. Klasse beim Erlernen des Lesens und /oder Schreibens größere Schwierigkeiten auftauchen
- wenn (ungeübte) Diktate deutlich mehr Fehler aufweisen als Nachschriften und
- wenn trotz regelmäßigen Übens die Probleme über einen Zeitraum von mehreren Monaten andauern.
Besonders in den Fällen, in denen die möglicherweise bestehenden Teilleistungsdefizite mit so genannten Neurotisierungstendenzen (z.B. deutliche Leseunlust, Abneigung gegenüber der Schule, Leistungs- und Prüfungsangst) einhergehen oder sogar von psycho-somatischen Beschwerden (z.B. Schulbauchschmerzen, Ein- und Durchschlafstörungen) begleitet werden, ist unbedingt eine Abklärung anzuraten.
Durch entsprechende Verfahren soll abgetestet werden, ob tatsächlich eine Legasthenie im Sinne einer schweren Beeinträchtigung des Lese- und / oder Rechtschreibprozesses vorliegt (Entwicklungs- störung) oder ob eher Auffälligkeiten im Sinne einer schriftsprachlichen Schwäche imponieren (vgl. auch Bekannt- machungen des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 16.11.1999).
Integrative Therapie
Im Zentrum der diagnostischen, therapeutischen und beratenden Tätigkeit
in der Pädagogischen Praxis steht die Einsicht, dass die isolierte Lese-Rechtschreibstörung
kein bleibender Defekt ist, der lediglich einen Umgang mit der
"Krankheit" zulässt.
Alle Maßnahmen werden auf die Gesamtpersönlichkeit des Kindes
bezogen. Ziel ist der schrittweise Abbau der individuellen legasthenen
Defizite (gezielte Therapie der Hör-Wahrnehmung) und der damit einhergehenden
psychischen Schwierigkeiten. Beabsichtigt wird sowohl die Verbesserung
der Lese-Rechtschreib-Kompetenz als auch die Entwicklung eines altersentsprechenden
Selbstbewusstseins. Auf diese Weise soll den Heranwachsenden die
ihnen begabungsgemäß zustehende gesellschaftliche Eingliederung ermöglicht
werden. Neben der Arbeit mit dem Kind bzw. mit dem Jugendlichen wird
daher in der Therapie besonderer Wert auf den Einbezug des engeren und
weiteren sozialen Umfeldes (Elternhaus, Schule etc.) gelegt.
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